Sonntag, 26. Mai 2013
Neu auf DVD:
Tom Schilling 'Oh Boy'
Kennst du das Gefühl, dass dir die Leute um dich herum merkwürdig erscheinen? Und je länger du darüber nachdenkst, desto klarer wird dir, dass nicht die Leute sondern du selbst das Problem bist? Niko Fischer (Tom Schilling) ist Ende zwanzig und hat vor einiger Zeit seinem Studium ade gesagt. Seitdem lebt er in den Tag hinein, driftet schlaflos durch die Straßen seiner Stadt und wundert sich über die Menschen seiner Umgebung. Niko ist ein Flaneur und Zuhörer, dem die Menschen ihre Geschichten erzählen. Mit stiller Neugier beobachtet er sie bei der Bewältigung des täglichen Lebens. Bis zu diesem turbulenten Tag: Seine Freundin zieht einen Schlussstrich, sein Vater dreht ihm den Geldhahn zu und ein Psychologe attestiert ihm 'emotionale Unausgeglichenheit'. Eine sonderbare Schönheit namens Julika (Friederike Kempter) konfrontiert ihn mit den Wunden der gemeinsamen Vergangenheit, sein neuer Nachbar schüttet ihm bei Schnaps und Buletten sein Herz aus und in der ganzen Stadt scheint es keinen normalen Kaffee mehr zu geben. Sollte Niko nach diesem Tag wirklich seine 'Komfortzone' verlassen und sein Leben ändern? Kriegt er am Ende vielleicht Julika? Und sogar die heißersehnte Tasse Kaffee?



Der komplett in schwarzweiss gedrehte Spielfilm Debüt von Jan Ole Gerster ist auf jeden Fall etwas Besonderes. Die sentimentale Grossstadtballade überzeugt mit skurrilen Aussenseiter-Figuren, geschliffenen Dialogen und absolutem Berlin-Feeling. Der Film zeigt dabei nicht nur den belanglosen Tag eines desillusionierten Einzelgängers in Gestalt des grossartigen Tom Schilling ("Unsere Mütter, unsere Väter"), sondern er spiegelt das Gefühl einer ganzen Abbrecher-Generation am Scheideweg des Älterwerdens. J.O. Gersters Inszenierung kommt dabei beswingt-sentimental daher, ohne die Episoden und ihre Figuren ins Kitschige abgleiten zu lassen. Die schleichende Ironie entsteht durch die absurden Situationen selbst, die genau pointiert erzählt werden. Allerdings fehlt zum Ende ein wirklicher Höhe- und Schlusspunkt. Die Suche nach einem frischen Kaffee ist als Leitfaden zwar recht originell, wirkt als Finalpointe aber etwas schwach. Das wäre allerdings das Einzige, was man an dem überzeugenden Adoleszenz-Drama aussetzen könnte.
Bewertung: 8/10 (Moviepilot Prognose 7,5)


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